Uber den Ursprung des Golfspiels

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Uber den Ursprung des Golfspiels

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Titel

Uber den Ursprung des Golfspiels

Auteur

Gillmeister, H.

Jaar van uitgave

2014

Text

©Heiner Gillmeister

Über den Ursprung des Golfspiels


Heiner Gillmeister
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn

1. Das Golfspiel, ein weitläufiger Verwandter aus der Familie der Torspiele;
2. Die Schotten als Erfinder des Golfspiels: ein weit verbreiteter Irrtum (a popular fallacy);
3. Pieter van Afferden, der Kronzeuge seiner niederländischen Herkunft;
4. Die frühen niederländischen Bildzeugnisse des Golfspiels;
5. Die niederländischen Wurzeln des Golfvokabulars.

Das Golfspiel, ein weitläufiger Verwandter der Torspiele

Ein großer Mangel in herkömmlichen Darstellungen der Golfgeschichte ist im Verzicht ihrer Autoren begründet, das Spiel in den großen Zusammenhang europäischer Ballspiele einzuordnen. Wegen der spärlichen Zeugnisse in mittelalterlichen Schriften gelingt eine derartige Verortung allein auf dem Weg über die historische Sprachwissenschaft, und zwar durch die systematische Auswertung des zusammen mit den Spielen überlieferten Wortschatzes. Aus einer derartigen Analyse ergibt sich, dass für die mittelalterlichen Ballspiele das ritterliche Turnier Modell gestanden hat, das idealtypischer Weise im Vorfeld eines Burg- oder Stadttores stattfand. Das Turnier unterschied drei verschiedene Disziplinen:
den Tjost, frz. joûte, engl. joust (< lat. iuxt?, ‘dicht daneben’, ‘eng beieinander’);
die mêlée (Nachahmung einer Reiterschlacht);
den pas d’armes, engl. passage of arms (fingierte Eroberung eines Burg- oder Stadttores).
Das Modell für den Urahn unserer Ballspiele, das Fußballspiel, bildete die dritte der genannten Disziplinen, der pas d’armes. Das Fußballspiel, wie das Turnier aus Frankreich stammend und soule genannt, war ein wüstes Kampfspiel. Ziel desselben war es, mit einer mit Heu ausgestopften Lederhülle – dies sozusagen ein Surrogat des ritterlichen Einzelkämpfers hoch zu Roß – in eine Burgtorattrappe einzudringen,1 oder aber, dies zu verhindern. Im Zuge des Prozesses der Zivilisation, wie er von dem gerade auch in den Niederlanden bekannten Soziologen Norbert Elias beschrieben wurde,2 wich in den wettkampfmäßigen Ballspielen im Laufe der Zeit das Element der Aggression dem der Geschicklichkeit. Das hatte zur Folge, dass sich die Dimension der Toröffnung stetig verkleinerte. Dies trat zunächst im Hockeyspiel in Erscheinung, einer Variante des Fußballs, die mit dem mittelalterlichen Hirtenstab ausgetragen wurde. Die Verkleinerung des Tores setzte sich im englischen cricket-Spiel fort, das vermutlich auch ein Import aus den südlichen Niederlanden ist, und kam schließlich im Golf zu ihrem Abschluss. Hier ist die Toröffnung auf extreme Weise minimiert und von den Spielern ein Höchstmaß an Geschicklichkeit gefordert.

Tjost im Vorfeld eines Burgtores. Belohnung des siegreichen Ritters durch die von ihm verehrte höfische Dame.
Quelle: Museo Nazionale, Via S. Vitale, 17, I-48100 Ravenna.

Belagerung der Liebesburg. Spiegelkassette, Elfenbein.
Quelle: Einst im Besitz der Abtei Rein in Österreich.

In der Vorstellung der am pas d’armes Beteiligten ging es oft darum, eine in der Burg gefangen gehaltene Jungfer von Adel zu befreien.

Älteste Darstellung des italienischen Fußballs (calcio), Padua, erste Hälfte 17. Jahrhunderts. Mit Fähnchen bewehrte Burgtorattrappen als Tore.
Quelle: Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel.


Gabriel Bella, Il gioco del calcio a Sant’Alvise, nach 1779?, vor 1792 Öl auf Leinwand, 97,5x131,5cm.
Quelle: : Fondazione Scientifica Querini Stampaglia, Venedig

Bellas Vorlage, ein Stich von Giacomo Franco (1591).3
Quelle: Habiti d'huomeni et donne veneziane Trionfi Feste Cerimonie pubbliche della mobilissima città di Venetia (1591)


Das Kampfspiel soule à la crosse im Vorfeld des Stadttores (linke Bildseite). Aus Philippe Pigouchet, Heures a l'usage de Romme, Paris 1498 (unter dem Monatsnamen Januar, einZeichen, dass die soule den Wintermonaten vorbehalten war).
Quelle: Simon Vostre, Hore beate marie virginis secundum Vsum Romanum [Monat Januar], Paris, c.1510 (November). Bayerische Staatsbibliothek München, Signatur Im. mort. 37. Bayerische Staatsbibliothek, Ludwigstr. 16, D-80328 München.


Hirten wird die Geburt Christi verkündigt (Lukas II, 8-9). Der an seinem Ende gebogene Hirtenstab spielte im mittelalterlichen Ballspiel eine wichtige Rolle. Detail eines Elfenbein-Diptychons, französisch, erste Hälfte 14. Jahrhundert. Quelle: Rheinischen Bildarchiv, Köln.


Frühe Form des englischen cricket-Spiels, bei dem die Spieler sich eines Schlägers bedienen, der in deutlichem Gegensatz zum heutigen Spiel noch sehr an den mittelalterlichen Hirtenstab erinnert. Charakteristisch für das frühe Spiel auf ein einziges wicket (Bedeutung: ‘kleines Tor’): es gibt nur zwei Senkrechtpfosten (stumps). Aus Hubert-François Bourguignon genannt Gravelot (1699-1773), Petit cahier d'images pour les enfants (vor 1755).
Quelle: Bibliothèque Nationale, Paris.


Francis Hayman, „Cricket in Marylebone Fields“ (Detail, ca. 1743-7). Noch immer sind die Schläger an ihren Enden leicht gekrümmt.
Quelle: Marylebone Cricket Club, London.

Golfszenen aus einem flämischen Stundenbuch (getijdenboek) (um 1530). Text: aus dem Kleinen Stundengebet Unserer Lieben Frau, das Gebet an Alle Heiligen. Aus David Stirk, Golf. History and Tradition 1500-1945, Ludlow: Excellent Press1998, p. 17.

Schematische Darstellung der Evolution europäischer Ballspiele auf der Grundlage einer sprachhistorischen Analyse. Design: Heiner Gillmeister.






Die Schotten als Erfinder des Golfspiels: ein weit verbreiteter Irrtum (a popular fallacy)

Die Behauptung, Golf sei eine Erfindung der Schotten, stützt sich auf Verbote des Spiels in schottischen Parlamentsakten aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. In der ersten vom 6. März 1457 wird Golf in einem Atemzug mit dem wegen seiner Brutalität berüchtigten Fußballspiel verboten. Schon diese Quelle lässt erahnen, dass hier mit Golf kaum das eher harmlose Spiel unserer Tage gemeint sein kann, sondern das ebenso brutale Hockeyspiel. Schon rund einhundert Jahre zuvor (1360) hatte es in den Verordnungen der Stadt Brüssel ein ähnliches Verbot für denjenigen Bürger gegeben, welcher „met Colven tsolt“, wörtlich: der mit einem Hirtenstab (colf) Fußball (soule) spielt. Die Vermutung, dass es sich in beiden Fällen nicht um Golf, sondern um das Kampfspiel Hockey handelt, bestätigt nun ausgerechnet ein Schotte, Sir Gilbert Hay. Hay ist der Verfasser eines Alexanderromans, der auf eine orientalische Vorlage zurückgeführt werden kann. In Hays Fassung wird Alexander durch eine Gesandtschaft des Perserkönigs Darius ein Golfschläger (golfstaff) überreicht, dies mit der Botschaft, damit in seiner Heimat Ball zu spielen. Daraufhin lässt der Mazedonier dem Perser die folgende Botschaft übermitteln. Der an seinem Ende gekrümmte Schläger bedeute, dass sich Darius und seine Gefolgsleute in Kürze vor ihm verneigen würden, und wie der Schläger den Ball hin- und hertreibe (to and fro), so würden er und die Seinen künftig auf seinen Befehl hin kommen und gehen. Hier kann mit dem Golfschläger einzig und allein ein Hockeyschläger gemeint sein. Fazit: wenn man um die Mitte des 15. Jahrhunderts in Schottland von Golf sprach, hatte der Sprecher stets das Hockeyspiel, nicht aber Golf im heutigen Sinn vor Augen.



Pieter van Afferden, der Kronzeuge seiner niederländischen Herkunft
Trotz der hier angeführten Argumente fällt es den Schotten außerordentlich schwer, den niederländischen Ursprung ihres Nationalspiels einzugestehen. Zwar räumen sie gelegentlich und äußerst widerwillig ein, dass es auch auf dem Kontinent golfähnliche Spiele gegeben habe. Zu ihrer Verteidigung weisen sie aber trotzig und mit großer Beharrlichkeit darauf hin, dass bei all diesen Verwandten niemals wie in Schottland auf ein kleines Loch in der Erde gezielt wurde. Stellvertretend für alle anderen schottischen Golfhistoriker steht Malsolm Campbell in seiner The Encyclopedia of Golf, die der Autor, man höre, den „definitve Guide to the Game: its Courses, Characters and Traditions“ nennt:4

There is a single, simple element missing from these various club-and-ball games [of the Continent] that separates them from the game of golf as we know it today: the hole. All use targets of one sort or another, but all of them above the ground.

Dieses Argument wird dem guten Malcolm Campbell und seinen schottischen Kollegen nunmehr und endgültig aus der Hand geschlagen. Pieter van Afferden, oder, wie er sich mit seinem latinisierten Gelehrtennamen nennt, Petrus Apherdianus, hat in seinem Büchlein Tyrocinium Latinae Linguae, etwa ‚Rekrutenschule der lateinischen Sprache‘, ein ganzes Kapitel dem Golfspiel gewidmet. Mit seiner Hilfe wollte er seinen Zeitgenossen zeigen, wie man sich auf dem Golfplatz gepflegt auf Latein unterhält, indem er in einem Dialog über ein fiktives Spiel Sätze aus seiner Muttersprache ihren lateinischen Übersetzungen gegenüberstellt. Das Wichtigste daraus: Pieter lässt seine Golfer auf ein Loch (cuyl) spielen und widerlegt somit schlagend der Schotten letztes Argument. Aus Pieters Beschreibung lassen sich aber auch erste Golfregeln herausfiltern. Sie zeigen, dass das Spiel mit dem gekrümmten Schläger und auf ein kleines Loch in den Niederlanden bereits auf eine gewisse Tradition zurückblicken konnte.
Hier Pieters mittelniederländische Beispiele mit ihren modernen niederländischen Entspechungen:

Eine Tatsache erfüllt den Rheinländer mit einigem Stolz. Die erste, leider nicht erhaltene Auflage des Tyrocinium wurde im Jahre 1545 bei dem Kölner Drucker Johannes Gymnich gedruckt.5 Beschämend für die Schotten und ihre Widerborstigkeit, den niederländischen Ursprung des Golfspiels einzugestehen, ist der Umstand, dass zwei Exemplare des Tyrocinium seit Jahrhunderten in der National Library of Scotland in Edinburgh und in der Universitätsbibliothek von Aberdeen schlummern, ohne dass sie bei schottischen Golfhistorikern je Beachtung gefunden hätten. Die erste vergleichbare Beschreibung des Golfspiels aus Schottland, von der noch die Rede sein wird, verfasste der schottische Schulmeister aus Aberdeen, David Wedderburn, rund einhundert Jahre später (Vocabula, 1636).6
Die frühen niederländischen Bildzeugnisse des Golfspiels

Bei der Frage nach dem Ursprung des Golfspiels spricht die Geschichte der Golfillustrationen eine deutliche Sprache. Alle frühen Darstellungen des Golfspiels stammen aus den südlichen Niederlanden. Es handelt sich fast ausnahmslos um Miniaturen aus der Gattung der Stundenbücher (niederländisch getijdenboek), die Künstler waren Flamen. Bei allen Bildern ist eine frühe Standardisierung zu erkennen, dies als Folge der Kommerzialisierung. Alle vereinen in einem Bild die beiden wichtigsten Fertigkeiten des Golfspiels: den Abschlag (drive) und das Einlochen (putt).
Die früheste Darstellung entstammt dem Stundenbuch der Adélaïde von Savoyen, der Herzogin von Burgund (1450). Sie zeigt einen höchst modern anmutenden Vierer (foursome) im Weichbild einer mittelalterlichen Stadt, wobei der erste Spieler seinen kurz zuvor eingelochten Ball dem Loch entnimmt, während Spieler Nummer zwei seinen Ball zum Putt anspricht.


Quelle: Musée Condé, Chantilly.
Die zweite Darstellung wird dem wohl bekanntesten Buchillustrator des Mittelalters, Simon Bening, zugeschrieben und um das Jahr 1500 datiert. Es zeigt wiederum einen Vierer, dessen erstes Pärchen seine Runde beendet hat und dem „Clubhaus“ zustebt. Dieweil Paar Nummer zwei noch mit Drive und Putt beschäftigt ist, wobei der Putt hier wie auf anderen Miniaturen stets im Knien ausgeführt wurde.

Quelle: British Library, London.
Die dritte Miniatur ist dem Stundenbuch Philipps I., des Schönen, des Königs von Spanien, entnommen.7 Die Handschrift entstand 1505, ein Jahr vor seinem Tod. Die Miniatur zeigt erneut die Grundfertigkeiten des Golfspiels, Abschlag und Einlochen.


Quelle: Real Colegio del Corpus Christi (Eglesia del Patriarca), Valencia.
Die weitaus modernste Darstellung des Golfmotivs ist im berühmten Stundenbuch König Karls enthalten (um 1540), des Sohnes Philipps I. und später als Karl V. Beherrscher des Heiligen Römischen Reiches, in welchem nach seinen Worten die Sonne nicht unterging. Während das Golfspiel auf den bisher gezeigten Miniaturen gleichsam in komprimierter Form dargeboten wurde, so erleben wir hier in neuartiger perspektivischer Darstellung ein bemerkenswertes Detail: einen aus großer Distanz zu einem kraftvollen Drive ausholenden Golfer. Das Bild beweist, dass gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts in den südlichen Niederlanden – man erinnert sich hier, dass Kaiser Karl in Brüssel aufgewachsen war - alle Eigentümlichkeiten des heutigen Golfspiels zur Entfaltung gekommen waren. Dazu gehörte sowohl die Annäherung an das Loch über eine stattliche Entfernung als auch die Spezialdisziplin des Einlochens.

Quelle: Biblioteca Nacional de España, Madrid
Abschließend seien noch zwei Darstellungen des 16. Jahrhunderts erwähnt, die außerhalb der Stundenbuchtradition angesiedelt sind. Dies ist zum einen eine Skizze des Lütticher Malers, Architekten und Stechers Lambert Lombart (1505-1566), der seine Lehrjahre im seeländischen Middelburg verbracht haben soll. Das Bild zeigt den niederländischen Golfnachwuchs beim Putten wie auch des Künstlers Abhängigkeit von früheren Stundenbuchminiaturen.

Quelle; Cabinet des Estampes de la Ville de Liège
Die zweite Golfillustration findet sich auf einem 1561 in Brüssel gewirkten Teppich, der von Herzog Karl III. von Lothringen in Auftrag gegeben wurde und Teil eines Thronbaldachins war. Das Design des Teppichs verdanken wir einem der bekanntesten Künstler seiner Zeit, Hans Vredemann de Vries (1527-1609). Der hier beim Teeing off dargestellte Putto weist zwei Besonderheiten auf: Einmal den metallfarbenen Kopf des Golfschlägers, ein Hinweis, dass wir es mit einer Bleiummantelung zu tun haben, von der schon Pieter von Afferden spricht („een loen colve“ = een loden kolf);8 zum anderen erstmalig die Verwendung eines künstlichen Tee. Vor seiner Zeit haben sich die Golfer offenbar mit einem kleinen Sandhäufchen begnügt, dem Aushub aus dem Loch, das ihrem Spiel als Ziel diente.

Quelle: Kunsthistorisches Museum, Wien
Ein noch weit kunstfertigeres Tee zeigt das erste Golfbild aus Deutschland, ein Ölgemälde von H. Golt aus dem Jahre 1706. Es zeigt Haus Wohnung, eine ehemalige Wasserburg in der Nachbarschaft der Stadt Voerde am Niederrhein. Im Garten des Anwesens ist der Sohn des Schlossherrn, Johann Carselis von Ulft geannt Doornick, im Begriff, einen Golfball von der Spitze eines Tee abzuschlagen, bei welchen die Flugbahn des Balles gleichsam vorgezeichnet ist. Verräterich ist hier der Beiname des Schlossherrn, dessen Familie sich ihm zufolge von dem Örtchen Doornik herleitet, das in etwas mehr als 16km Luftlinie nördlich von Afferden liegt. Es kann also sein, dass wir in Golts Gemälde einen Reflex des Spiels wiederfinden, wie es zu Pieters Zeit in Geldern gespielt wurde.

Quelle: STEAG Walsum Immobilien AG, Dinslaken, Dr. Hans-Rudolf Jürgen

Haus Wohnung heute. Die Burg hat im 2. Weltkrieg ihren linken Turm verloren. Foto: Heiner Gillmeister
Die niederländischen Wurzeln des Golfvokabulars

Wenn es noch eines weiteren Beweises für den niederländischen Ursprung des Golfspiels bedarf, so liefert diesen der englische Wortschatz desselben. Nicht mehr wegzudiskutieren ist, dass sich der Name für das Spiel selbst von mittelniederländisch colf oder colve herleitet, einem Wort, das ursprünglich den Hirtenstab bezeichnete.

schottisch golf < mndl. colve, colf, zelfstanding naamwoord, vrouwelijk;
interessant: noch 1687 verwendet der schottische Medizinstudent Thomas Kincaid den Ausdruck to play at he golve [met stemhebbend f]

Mit einiger Wahrscheinlichkeit sind aber drei weitere und geradezu unverzichtbare termini technici auch aus dem Niederländischen entlehnt. Es handelt sich um die Wörter putt, tee und bunker.

Im Falle von putt verweist das Oxford English Dictionary auf das altenglische Verb putian, neuenglisch to put, im Sinne von ‘stoßen’ (erhalten in neuenglisch shotput, ‘Kugelstoßen’). Hier stimmt aber weder die heutige Aussprache noch die Schreibweise.9 Hier sollte zuerst an niederländisch put, ‘cuil’, und putten, ‘in een put doen’, gedacht werden. Dass put im Sinne von ‘Loch im Golfspiel’ verwendet worden ist, wird nun durch einen sensationellen Fund des niederländischen Golfhistorikers Arnout Janmaat bewiesen. Kronzeuge hierfür ist wieder einmal Pieter van Afferden und sein Tyrocinium. Im Jahre 1604 hat sich offenbar der Redakteur einer späteren Neuauflage des Werks erneut unter den Golfern seiner Zeit umgehört und erfahren, dass man anstelle von cuil doch besser den Terminus put verwenden sollte:10

Non multùm à scrobe absum, ick en ben niet verre vanden put.

Ego recta petam scrobem, ic salt recht na dñ put setten.

Ergänzend wäre noch anzumerken, dass auch im Murmelspiel der Kinder neben cuil auch das Wort putje belegt ist.11

schottisch putt ≠ altenglisch putian, neuenglisch to put
schottisch putt < mittelniederländisch putten, ‘in een put/cuil doen’

Der erste Beleg für das Wort tee findet sich in David Wedderburns Vocabula von 1636, und zwar in der überaus merkwürdigen Schreibung teaz.12 Die Aussprache dürfte ungefähr der des französischen la thèse entsprochen haben. Das Wort entspricht somit einem niederländischen Ausdruck für das Ziel (mikpunt) in einem Schießwettbewerb, nämlich tese.13 Nun ist aber bekanntlich beim Golf das tee nicht das Ziel, sondern eher der Anfang des Spiels. Hier aber sei daran erinnert, dass beim Curling (wahrscheinlich aus flämisch krulbal), ganz im Gegensatz zum Golf, das Tee den Zielraum bezeichnet. Dies war vermutlich auch beim Golf ursprünglich der Fall. Dort wurde aber am Ende die Bezeichnung für das Loch auf das Sandhäufchen übertragen, das man aus dem Loch ausgehoben hatte und das jetzt in unmittelbarer Nähe desselben als Abschlag in Richtung auf das neue Loch diente.

schottisch tee < teaz (17. Jh.), < mndl. tese, ‘mikpunt’
Zitat: Can ic scieten, dats mit vresen; ic houde to hoge of to laghe of buten, des ic mi beclaghe: en can geraken niet ter tesen.
teaz > tea > tee (Disambiguierung zu tea, ‘Tee’)
afrz. pese > englisch pea, ‘Erbse’, ‘erwt’
pikardisch cherise > englisch cherry
Jan Kaes/Kaas > Yankee , ‚Bewohner von Neu Amsterdam‘
Eine ebenfalls seltsame Schreibweise weist der Erstbeleg für das Wort bunker auf, den ebenfalls Wedderburn liefert. Dort verlangt ein Spieler, ihm einen Spezialschläger mit einem eisernen Schlägerkopf zu reichen (das heutige Eisen Nr. 10, englisch wedge), weil sein Ball offenbar in einem Sandloch gelandet ist. Zitat: let see the bunkard club. Das Wort könnte eine niederländische Form *bancaert colf zur Voraussetzung haben, ein Gerät, das man für einen misratenen Schlag (*bancaert slach) in ein Sandloch benötigte.14 Bancaert wurde am Ende für die Sandgrube verwendet, in welcher die bancaert colf zur Anwendung kam.

schottisch bunker, < bunkard club < verkürzt < mndl. *bancaert colf.
Auswahlbibliographie
„The Flemish Ancestry of Early English Ball Games“, in Norbert Müller und Joachim K. Rühl, Hrsg., Olympic Scientific Congress. Official Report. Sport History, Niedernhausen/ Taunus: Schors-Verlags-Gesellschaft 1985, S. 54-74.
„The Language of English Sports Medieval and Modern“, in Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, Bd. 233 (1996), S. 268-285.
„A Tee for Two: On the Origins of Golf“, in Homo Ludens. Internationale Beiträge des Instituts für Spielforschung und Spielpädagogik an der Hochschule ‚Mozarteum‘ Salzburg [Ball- und Kugelspiele, Bd. 6 (1996), S. 17-37.
„Warum ein Golfer rot sieht. Über die Ursprünge des Golfspiels“, in Golf, Geschichte einer Leidenschaft [Ausstellungskatalog, Zürich, Credit Suisse, 21. August -20. November 1998], S. 6-18.
„Sports, Major team and individual, Golf“, in Encyclopaedia Britannica, 15. Aufl., Bd. 28, Chicago: Encyclopaedia Britannica 2002, S. 150-157.
„Golf on the Rhine. On the Origins of Golf, with Sidelights on Polo“, in The International Journal of the History of Sport, Bd. 19, Nr. 1 (März 2002), S. 1-30.
„Les sports et les jeux: origines et diffusion“, in Jean-Marc Silvain and Noureddine Seoudi, Hrsg., Regards sur le sport. Hommage à Bernard Jeu [Collection UL3 travaux et recherches], Lille: Université Charles de Gaulle 2002, S. 105-126.
„De naakte waarheid over golf“, in Sportimonium, Bd. 23, Nr. 3 (2003), S. 54 f.
100 Jahre Golf in Deutschland. Bd. 1 Gründerzeiten bis 1924 [mit Beiträgen von Christoph Meister und Dietrich R. Quanz], München: Albrecht Golf Verlag GmbH 2007.
„Die Schotten und das Golfspiel, oder: You Can’t Teach an Old Dog New Tricks“, in Golf –Facetten einer Leidenschaft [1. Drossapharm Golf Symposium 2008, Beiträge und Ausstellungskatalog], Basel/Arlesheim: Drossapharm AG 2008, S. 8-15 und 14-21.
„Vom Burgtor zum Fußballtor. Gedanken zum Ursprung des Spiels mit dem runden Leder“, in Uwe Baumann und Dittmar Dahlmann, Hrsg., Kopfball, Einwurf, Nachspielzeit. Gespräche und Beiträge zur Aktualität und Geschichte des Fußballs, Essen: Klartext Verlag 2008, S. 15-39.
„On the Origin and Diffusion of European Ball Games: a Linguistic Analysis“, in Studies in Physical Culture and Tourism, Bd. 16, Nr. 1 (2009), S. 37-46.
<http://www.medievalists.net/2010/02/03/on-the-origin-and-diffusion-of-european-ball-games-a-linguistic-analysis/> 14. Mai 2010. <http://www.wbc.poznan.pl/dlibra/docmetadata?id=120422&showContent=true> 24. Mai 2011.

1 Vgl. den Touchdown im Rugby.
2 Über den Prozeß der Zivilisation. 2 Bde., Basel 1939; 1987: Von der Königin der Niederlande wurde ihm der Kommandeur des Oranien-Nassau verliehen.
3 Giuoco del calzo che si fa nel Brisaglio a S.to Alvise la Quaresima al quale non giocano se non li gentil' uomini = Acquaforte, mm 250x170, tratta dalla raccolta Habiti d'huomeni et donne veneziane…Trionfi Feste Cerimonie pubbliche della mobilissima città di Venetia, che si proponeva di illustrare in ogni aspetto la vita cittadina, inclusi i giochi che dividevano la cittadinanza in due squadre. La raccolta venne pubblicata dopo il 1591, anno in cui Franco ottenne il privilegio di stampa dal senato.
4 Vgl. Malcolm Campbell, The Encyclopedia of Golf, London: Dorling Kindersley1991, S.14.
5 Vgl. Bob & Maria Emilie de Graaf, Petrus Apherdianus Ludimagister ca. 1510-1580, Nieuwkoop: B. De Graaf 1968, S. 29.
6 Nicht von der Hand zu weisen ist, die Möglichkeit, dass Wedderburn das Aberdeensche Exemplar van Afferdens gekannt und auch benutzt hat.
7 Text: Gesundheitsregeln für den Monat November:
Hoc tibi scire datur eaque reuma novembre curatur Dies wird dir zu wissen gegeben und diese Erkältung wird im November geheilt;
Quaeque nociva vita tua, sint pretiosa dicta, und welche Dinge deinem Leben schädlich sind, mögen [diese] Worte kostbar sein;
Balnea cum venere tunc nullum constat habere es steht fest, dass man von Bädern keines zu dieser Zeit keines genießt;
Potio sit sana valde atque minutio bona, der Trunk sei sehr gesund und eine kräftige Linderung.
8 Das Niederländische bewahrt im Ausdruck de kolf nar de bal gooien,‘die Flinte ins Korn werfen’, die Bedeutung von kolf, ‘Ballschläger’. In seinem Buch Serendipity of EarlyGolf kommt der Niederländer Robin Bargmann zu der logischen Schlussforderung (logical conclusion), golf habe in Schottland niemals die Bedeutung ‘Golfschläger’ gehabt. Diese Behauptung ist falsch, wie im Übrigen die meisten seiner zum Teil abenteuerlichen Worterklärungen. So wird zum Beispiel der des Ehebruchs angeklagten Mary Stuart vorgeworfen, sich mit ihrem Geliebten Bothwell in aller Öffentlichkeit beim Spiel mit Mail- und Golfschläger vergnügt zu haben: „richt openlie at the feildis with the pallmall and goif“.
9 Dies gilt im Schottischen (ScE) allerdings nicht für die Aussprache. Das Standardenglische (die sog. „Received Pronunciation“, RP) hat in Wörtern wie strut und but die Aussprache [?], während die nördlichen Varianten, darunter das Schottische, ein [?] artikulieren. Hier wären demnach put und putt gleichlautend (homophon) = [p?t]. Niederländisch [y] in put, ‚Loch‘, wäre also genauso aufgenommen worden wie der gleiche Vokal in einem anderen niederländischen Lehnwort, nämlich luck (aus Mittelniederländisch gelucke), Aussprache[l?k]. Schlimme Fehldeutungen der Wörter golf und putt behaupten sich mit großer Hartnäckigkeit bis in die jüngste Zeit, vgl. Katherine Barber, Six Words You Never Knew Had Something to Do with Pigs [Revised, Americanized Version], London: Oxford University Press Canada 2007, p. 52 f.

10 Vgl. Pieter van Afferden, Tyrocinium linguae Latinae, Antwerpen: Martinus Nutius 1604 [vorhanden in der Universiteitsbibliothek Gent, vgl. de Graaf, S. 84], S. 105.
11 Vgl. <http://www.medievalists.net/2010/02/03/on-the-origin-and-diffusion-of-european-ball-games-a-linguistic-analysis/> S. 46, Anm. 25: cuil und putje im Klickerspiel.
12 Statumina pilam arena, Teaz your ball on the sand;
Statumen, the teaz.
13 Vgl. Verdam, S. 603, s.v. Tese, znw. Vr. Mikpunt.
14 Mit Asteriskus (*) gekennzeichnete Wörter sind solche, die in keiner schriftlichen Quelle belegt sind.
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“Uber den Ursprung des Golfspiels,” NGA Early Golf, accessed September 18, 2019, http://www.nga-earlygolf.nl/golfarchief/items/show/2266.

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